Mittwoch, 29. November 2017

Deutsche Ideologie in MEGA erschienen.

institution logo 
Neu erschienen: Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). I.
Abt., Bd. 5
 
Gisela Lerch  
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 


28.11.2017

Neu erschienen: Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). I. Abt., Bd. 5: Karl Marx / Friedrich Engels: Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke

Berlin, 28. November 2017. Der soeben erschienene Band I/5 der MEGA eröffnet völlig neue Einblicke in die Entstehungsphase der materialistischen Geschichtsauffassung. Die insgesamt 17 Handschriften und zwei Drucke des Komplexes „Deutsche Ideologie“ werden erstmals vollständig in historisch-kritischer Form ediert.


Die im Staatsmarxismus kanonisch vertretene Auffassung lautet(e), dass Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ den historischen Materialismus ausgearbeitet und mit diesem großen Werk zugleich die philosophischen und theoretischen Grundlagen des Marxismus und der marxistischen Partei formuliert hätten. Die grundlegenden Leitsätze des historischen Materialismus würden insbesondere in der Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach entwickelt. 

Allerdings haben Marx und Engels auf die Publikation dieses vermeintlich grundlegenden Werkes verzichtet. Erst nach einem deutsch-sowjetischen Wettlauf um die Erstveröffentlichung sind seit den 1930er Jahren unterschiedliche Textausgaben im Umlauf – allein vom Kapitel „I. Feuerbach“ existieren mittlerweile ein knappes Dutzend Versionen. Die Abweichungen der Editionen haben ihren Grund darin, dass ein abgeschlossenes Werk „Die deutsche Ideologie“ nicht vorliegt. Überliefert sind lediglich fragmentarische und bereits zu Lebzeiten stellenweise – u. a. durch Mäusefraß: die berühmt gewordene „nagende Kritik der Mäuse“ (Marx) – stark zerstörte Manuskripte. Diese wurden bislang durch Textkompilationen zu einem Werk „Die deutsche Ideologie“ zusammengestellt. In Band I/5 der MEGA werden sie erstmals vollständig und in authentischer Form dokumentiert.

Außerdem konnte gezeigt werden, dass Marx und Engels die Manuskripte zur „deutschen Ideologie“ nicht im Rahmen eines Buch-, sondern eines Zeitschriftenprojektes verfasst haben, an dem auch andere Autoren beteiligt waren.

Durch den textkritischen Apparat mit seiner diskursiven Variantendarbietung wird der Schaffensprozess transparent und insbesondere auch die intensive Zusammenarbeit von Marx und Engels an den Manuskripten nachvollziehbar. Abgerundet wird die textkritische Aufarbeitung und Kommentierung mit einer Darstellung der Überlieferungs- und Editionsgeschichte der Manuskripte, die Aufschluss darüber gibt, wie aus unvollendeten, zu Lebzeiten unveröffentlichten Manuskripten vor dem Hintergrund der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein Gründungswerk des „historischen Materialismus“ werden konnte.

Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). I. Abt., Bd. 5: Karl Marx / Friedrich Engels: Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke. Bearbeitet von Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth. Herausgegeben von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) Amsterdam. Berlin / Boston: De Gruyter Akademie Forschung 2017. 2 Bde. XII, 1894 Seiten. 219 Euro. ISBN 978-3-11-048577-6. 7
Presseexemplare erhalten Sie über den Verlag De Gruyter.

Das Vorhaben „Marx-Engels-Gesamtausgabe“ gehört zum Akademienprogramm, dem derzeit größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramm Deutschlands, das von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert wird.


Kontakt:
Gerald Hubmann,
Arbeitsstellenleiter Marx-Engels-Gesamtausgabe
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
hubmann@bbaw.de

Pressekontakt:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Gisela Lerch
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Jägerstraße 22/23
10117 Berlin
Tel. 030/20370-657
Fax: 030/20370-366
E-Mail: lerch@bbaw.de
www.bbaw.de

Freitag, 15. September 2017

Vom Kopf auf die Füße: Über dies Blog.


 
In meinen jungen Jahren war es üblich, Marx durch Hegel zu erklären: Er habe jenen "vom Kopf auf die Füße gestellt". Nach Marxens eigener (unrichtigen)* Auffassung hätte Hegel aus zwei Teilen bestanden, dem Fichte' schen Subjekt und der spinozischen Substanz. Beim bloßen Vom-Kopf-auf-die-Füße würde sich daran nichts ändern, allenfalls würden die Seiten verkehrt. Die 'Substanz' gehörte aber ganz ausgeschieden, wenn Marx, wie er doch wollte, ein revolutionärer Denker war. Sie ist der Nistplatz aller Mystifikationen und aller Reaktion. Und, was wissenschaftlich erheblicher ist, sie verhindert jedes Verständnis der Kritik der Politischen Ökonomie!

Die Kritik der Politischen Ökonomie verfährt wie alle Kritische Philosophie. Sie überprüft die überkommenen Begriffe auf ihre Herkunft und Tragfähigkeit, und was sich nicht bewährt, wird verworfen: An den verselbstän- digten Kategorien wird gezeigt, dass und wie in ihnen absichtsvoll handelnde historische Subjekte verborgen sind. Dies ist die positive Ansicht der Kritik: Sie zeigt die Menschen tätig, wo die Apologetik zeitlose Form behauptet.

Als Weihrauch der ominösen Substanz dient die mystifizierte, weil schematisierte und automatisierte Dialektik. Sie ist das Perfideste an Hegels zusammengestohlenen Galimatias. Die analytisch-synthetische Methode ist bei Fichte das Werkzeug in der Hand des Kritikers, mit dem er die verdinglichten Begriffe auseinandernimmt und die ihnen zugrundeliegenden Vorstellungen freilegt. Bei Hegel ist sie "Selbstbewegung des Begriffs", die ohne tätiges Subjekt auskommt: Was als Subjekt erscheint, ist lediglich Agens der sich entfaltenden (und wieder zu- sammenfaltenden) Substanz. - Und in dieser Form konnte sie, als es soweit war, sich zum allbereiten Arkanum in Stalins "Dialektischem Materialismus" fügen. 


*

Die Weltrevolution, um die es im Denken von Marx doch immer ging, hat nicht stattgefunden. Wenn sie ihre Zeit hatte, dann hat sie sie versäumt. Allerdings hat auch nicht die Kritik der Politischen Ökonomie sie postu- liert noch postulieren können. Die Emanzipation der Proleratiats durch die kommunistische Revolution war nicht das gedankliche Resultat der Kritik, sondern lag ihr als Motiv zu Grunde. Die Kritik der Politischen Öko- nomie endet beim tendenziellen Fall der Profitrate, und der wird kommen, doch wann, ist theoretisch nicht ab- zusehen. Es kann auch sein, dass er niemals akut wird - und doch bestimmt seine Tendenz das krisenhafte Auf und Ab der Weltwirtschaft heute so unmittelbar wie nie. 

Das Kapital ist kein Nachschlagwerk, aus dem man lesen kann, was morgen auf uns zukommt. Es ist eine Kritik, die erst mit ihrem Gegenstand hinfällig wird.


*) Diese Beschreibung träfe auf den jüngeren Schelling zu. Sie stammt auch nicht von Marx selbst, sondern von Moses Hess, dessen Kenntnisse lückenhaft waren. Marx hat sie später nie wieder aufgegriffen.




Samstag, 13. Mai 2017

Wird die Logik wie der Wert im verallgemeinerten Verkehr ermittelt?



Einigen unter den Kennern und Liebhabern ist aber aufgefallen: Im reellen Prozess des Warenverkehrs wird als Tauschwert schließlich und endlich eine reelle Größe ermittelt - nämlich der Anteil am gesellschaftlichen Gesamt- arbeitstag, der in der Ware jeweils vergegenständlicht ist. Das ist ein tatsächliches, historisches Verhältnis, das aber außerhalb dieses reellen Vermittlungsprozesses nie und nirgends in Erscheinung tritt.

Gibt es eine ähnliche feste Größe, um die kreisend die Logik sich aus dem geistigen Verkehr der Menschen ausgemittelt hätte? Die also der Logik logisch vorausgeht? Das könnte doch nur das Projekt eines intelligenten Designers sein! Dem läge wiederum gar nichts irgend Zwingendes zu Grunde; es wäre ein reiner Willkürakt ohne alle Logik.

Aber so ist es nicht. Der Tauschwert - Wert - der Ware ist etwas Sachliches: das wirkliche, tätige Verhältnis lebendiger Menschen, die ihre Produkte tauschen unter der Bedingung prinzipiell knapper Ressourcen - und unter der Bedingung, dass der Stoffwechsel der Menschen mit der Natur und miteinander in ganz überwiegen- der Weise in der Nutzung und dem Verzehr von Gegenständen geschieht, die (nur) durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Ob das der Fall ist oder nicht, ist ausschließlich historisch bedingt und muss wie jedes historische Datum empirisch überprüfbar sein.

Was der Logik 'zugrunde liegt', ist aber nicht eine Wirkursache, sondern eine Zweckursache. Sie soll es möglich machen, dass ein gedankliches Argument jederzeit einem jeden so mitteilbar ist, dass es ihm so einleuchtet, wie es dem Absender eingeleuchtet hat (ohne Informationsverlust, clare et distincte, usw. usw. ...) Das kann sich nur erweisen, indem man es versucht. 

Ein solches Verfahren heißt problematisch. Der Zweck ist gegeben, aber als reine Form: Es soll Übereinstimmung hergestellt werden. Er ist Postulat; Projekt.  

Ob das Argument Übereinstimmung erlaubt, ist immer noch eine materiale Frage, die geprüft wird im Akt des Mitteilens selbst: Hält das Material den Mühsalen der Mitteilung stand? Das ist an vielen Materialen und vielen Übermittlungsweisen auszuprobieren, man kann nicht das eine überprüfen ohne das andere: Es ist ein unun- terbrochener, sich ständing erneuernder Prozess; der niemals endende geistige Verkehr eben.

Dass er schließlich zu einem ('einstweilen definitiven') Ergebnis kommt, liegt daran, dass sie 'letzten Ende beide aus demselben Stoff' gemacht sind: der Intentio, der Absicht der miteinander verkehrenden Subjekte. Wobei sich das einstweilen definitive, aber konkrete Ergebnis an dem absoluten, aber als solchem unbestimmten End- zweck, der Endzweck wiederum
an den konkret-vermittelten Zwischenzwecken bewährt; diese an jenem for- mal, jener an ihnen material.

im Herbst 2015 



Die Analogie zum Wertgesetz springt ins Auge. Dabei ist dieses im engsten Sinne materiell, die Logik aber rein... logisch und ideell. Beide beruhen auf Voraussetzungen. Dieses auf materiellen, jene auf ideellen.

Die materiellen Voraussetzungen des Wertgesetzes sind, dass das gesellschaftliche Leben von einer Knappheit an Lebensmitteln bestimmt wird, die ihrerseits durch Arbeit jederzeit vermehrt werden können; und dass das Material und die Instrumente der Arbeit bei einer bestimmten Gruppe von Individuen monopolisiert ist, so- dass alle Gesellschaftsangehörigen auf gegenseitigen Austausch angewiesen sind, weil das Arbeitsprodukt stets als Ware erscheint. Daraus ergeben sich alle andern Bestimmungen, die unterm Strich das Wertgesetz ausma- chen.

Die Voraussetzung der Logik ist - was sie nicht ahnt - eine pragmatische: Es soll absolute Geltung geben. Damit es sie gibt, werden die Bedingungen herausgefunden, unter denen ein logisches Datum - ein Satz - gilt. Sind die Bedingungen gegeben, ist die Geltung absolut. Nur so ist ein verallgemeinerter Austausch von Gedachtem mög- lich.

Ist er aber nötig? Die Waren müssen vom Produzenten an die Konsumenten gelangen, das ist notwendig, damit die Gesellschaftsangehörigen Mittel zum Leben finden. In gewissem Maß ist dazu freilich ein Austausch von Gedachtem unerlässlich. Tatsächlich befasst sich aber der Austausch von Gedachtem in allen Gesellschaften, von den primitivsten Jäger- und Sammlerstämmen bis zu den postindustriellen Gemeinwesen der digitalen Re- volution, mit weit mehr als der Produktion und Verteilung materieller Güter. Letzteres wird in den kommenden Generationen immer mehr zur Angelegenheit intelligenter Maschinen werden. Wüssten wir uns nur um unsere materiellen Belange zu verständigen, stünden wir dann dumm da, aber zum Glück wissen wir viel mehr.

Ein Glück ist es, denn eine Gesetzmäßigkeit ist darin nicht zu erkennen. Es ist eine augenfällige Selbstverständ- lichkeit - das ja -, dass die Menschen, wenn sie das Denken schonmal erfunden haben, damit alles Mögliche ver- suchen und schaffen würden: So sind wir eben. Aber notwendig war es ja gerade nicht. Möglich wird dieses oder jenes, weil wir... die Freiheit haben, es zu versuchen, und selbstverständlich ist uns nur, dass wir diese Freiheit haben und immer hatten. Denn wenn sich der Philosoph gelegentlich auch fragt, ob die Freiheit nicht unser Fluch ist, muss er doch dem Faktum ins Auge schauen, dass wir ihrer Versuchung immer und immer wieder erliegen. Und dass wir das Beste, was man über unsre Auftritte in der Geschichte sagen kann, ihr verdanken.


Sonntag, 22. Januar 2017

Gesetz der relativen Überbevölkerung.



Es zeigt sich hier das schon früher entwickelte Gesetz, daß mit der relativen Abnahme des variablen Kapitals, also der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit eine wachsend größre Masse Gesammt- kapital nöthig ist, um dieselbe Menge Arbeitskraft in Bewegung zu setzen und dieselbe Masse Mehrarbeit einzusaugen. 

Im selben Verhältniß daher, wie sich die kapitalistische Produktion entwickelt, entwickelt sich die Möglichkeit einer relativ überzähligen Arbeiterbevölkerung, nicht weil die Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit ab- nimmt, sondern weil sie zunimmt, also nicht aus einem absoluten Mißverhältniß zwischen Arbeit und Existenz- mitteln oder Mitteln zur Produktion dieser Existenzmittel, sondern aus einem Mißverhältniß, entspringend aus der kapitalistischen Exploitation der Arbeit, dem Mißverhältniß zwischen dem steigenden Wachsthum des Ka- pitals und seinem relativ abnehmenden Bedürfniß nach wachsender Bevölkerung.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 220f  [MEW 25, S. 232]
   







Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Samstag, 21. Januar 2017

Krisen sind notwendig, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen.



Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusammensetzung des Kapi- tals, die relative Abnahme des variablen Theils gegen den konstanten.
 

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bald mehr neben einander im Raum, bald mehr nach einander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleich- gewicht für den Augenblick wieder herstellen.
 

Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, daß die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschließt nach absoluter / seine Verwerthung im höchsten Maß (d. h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werths) zum Ziel hat. Ihr specifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwerth als Mittel zur größtmöglichen Verwerthung dieses Werths gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwerthung des vorhandnen Kapitals, und Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon producirten Produktivkräfte.
 

Die periodische Entwerthung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise imma- nentes Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwerth durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Cirkulations- und Reproduk- tionsproceß des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produk- tionsprocesses.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 245f.  [MEW 25, S. 259f.]
   



Nota. - Nicht nur können Krisen nicht verhindert werden, weil das nötige politische Instrumentarium fehlt. Es wäre auch nicht sinnvoll, sie zu verhindern, weil sonst das Gleichgewicht ganz verloren ginge.

Ach, das Gleichgewicht soll anders wiederhergestellt werden als durch die Krise? Das geht nicht, solange Kokur- renz herrscht, und die ist die Triebkraft der kapitalistischen Produktion. So können Krisen zwar palliativ gemil- dert werden, aber nur durch anhaltende Akkumulation neuer Ungleichgewichte - Aufblähen eines (aus kapitali- stischer Sicht) unproduktiven Staatssektors und Explosion der öffentlichen Schulden.
JE




Freitag, 20. Januar 2017

Bedürfnis und Vermögen unter antagonistischen Distributionsverhältnissen.



Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produk- tivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. 

Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumti- onskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein, nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen ver- änderliches Minimum reducirt. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrö- ßerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwerth auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwerthung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Nothwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungs- mittel und bei Strafe des Untergangs. 

Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, sodaß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Producenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollirbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr geräth sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. 

Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Uebermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Uebermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des pro- ducirten Mehrwerths sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingun- gen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird. 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 241  [MEW 25, S. 254f.]
   



Nota. -Wer immer zu verstehen bereit ist, kann an dieser Stelle erkennen, was Marx meint, wenn er gelegentlich von den Gesetzen der kapitalistisch Produktionsweise als von "Naturgesetzen" redet: nämlich dies, dass sie durch Menschen nicht kontrollierbar - nein: nicht sind, sondern werden. Nämlich nicht unter kapitalistischen Bedingungen; diese Bedingungen könnten aber aufgehoben werden - und damit die "Natur" verändert. Anders hätte der Gebrauch dieses Ausdrucks keine Sinn.
JE


 

Donnerstag, 19. Januar 2017

Die Schranke der kapitalistischen Produktionsweise.



Die Schranke der kapitalistischen Produktionsweise tritt hervor:

1) Darin, daß die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit im Fall der Profitrate ein Gesetz erzeugt, das ihrer eignen Entwicklung auf einen gewissen Punkt feindlichst gegenübertritt, und daher beständig durch Krisen überwunden werden muß.

2) Darin, daß die Aneignung unbezahlter Arbeit, und das Verhältniß dieser unbezahlten Arbeit zur vergegen- ständlichten Arbeit überhaupt, oder, kapitalistisch ausgedrückt, daß der Profit, und das Verhältniß dieses Profits zum angewandten Kapital, also eine gewisse Höhe der Profitrate über Ausdehnung oder Beschränkung der Produktion entscheidet, statt des Verhältnisses der Produktion zu den gesellschaftlichen Bedürfnissen, zu den Bedürfnissen gesellschaftlich entwickelter Menschen. 


Es treten daher Schranken für sie ein schon auf einem Ausdehnungsgrad der Produktion, der umgekehrt unter der andren Voraussetzung weitaus ungenügend erschiene. Sie kommt zum Stillstand, nicht wo die Befriedigung der Bedürfnisse, sondern wo die Produktion und Realisirung von Profit diesen Stillstand gebietet. 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 255  [MEW 25, S. 268]
  







Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Dienstag, 17. Januar 2017

Und wenn die Profitrate tatsächlich fiele?



Die Profitrate, d. h. der verhältnißmäßige Kapitalzuwachs ist vor allem wichtig für alle neuen, sich selbständig gruppirenden Kapitalableger. Und sobald die Kapitalbildung ausschließlich in die Hände einiger wenigen, ferti- gen Großkapitale fiele, für die die Masse des Profits die Rate aufwiegt, wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen. Sie würde einschlummern. 

Die Profitrate ist die treibende Macht in der kapitalistischen Produktion, und es wird nur producirt, was und soweit es mit Profit producirt werden kann. Daher die Angst der englischen Oekonomen über die Abnahme der Profitrate. Daß die bloße Möglichkeit Ricardo beunruhigt, zeigt gerade sein tiefes Verständniß der Beding- ungen der kapitalistischen Produktion. Was ihm vorgeworfen wird, daß er, um die „Menschen“ unbekümmert, bei Betrachtung der kapitalistischen Produktion nur die Entwicklung der Produktivkräfte im Auge hat - mit welchen Opfern an Menschen und Kapitalwerthen immer erkauft – ist gerade das Bedeutende an ihm. 

Die Entwicklung der Produk-/tivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechti- gung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhern Produktions- form. Was Ricardo beunruhigt, ist daß die Profitrate, der Stachel der kapitalistischen Produktion, und Beding- ung wie Treiber der Akkumulation, durch die Entwicklung der Produktion selbst gefährdet wird. 

Und das quantitative Verhältniß ist hier alles. Es liegt in der That etwas Tieferes zu Grunde, das er nur ahnt. Es zeigt sich hier in rein ökonomischer Weise, d. h. vom Bourgeoisstandpunkt, innerhalb der Grenzen des kapitali- stischen Verstandes, vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion selbst, ihre Schranke, ihre Relativität, daß sie keine absolute, sondern nur eine historische, einer gewissen beschränkten Entwicklungsepoche der materiel- len Produktionsbedingungen entsprechende Produktionsweise ist.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 255f. [MEW 25, S. 269f.]
 



Nota. - Der Kapitalist braucht den Profit, weil er mit andern konkurriert und wachsen muss, und er braucht mehr Profit als sie, weil sonst sie auf seine Kosten wachsen; braucht mehr als der Durchschnitt; mehr als die gewöhnliche Rate.

Soviel für den einzelnen Kapitalisten. Für das Kapital insgesamt gilt, dass sich neues Kapital nur ab einem be- stimmten Quantum bilden kann: Je höher die "organische Zusammensetzung", d. h. der konstante, hier vor allem: der fixe Anteil in einem Industriezweig oder der ganzen Industrie ist, umso mehr Geld ist auszulegen, um einen neuen Betrieb überhaupt eröffnen zu können. Schließlich können überhaupt nur noch Industrieriesen, die so große Geschäft machen, dass sie auch bei niedriger Rate noch eine zureichende Masse an Profit erzielen, ihre Produktion ausweiten. Sobald sie unter sich wären, spielte die Rate keine Rolle mehr und könnte gegen 0 sinken. "Sie würde einschlummern."
JE 

Sonntag, 15. Januar 2017

Dem Kapital ist nicht unter allen Umständen an der Steigerung der Produktivität gelegen.


Messerschmidt

Nehmen wir an, eine Maschine werde erfunden, die die für jedes Stück erforderliche lebendige Arbeit auf die Hälfte reducire, dafür aber den aus Verschleiß des fixen Kapitals bestehenden Werththeil verdreifache. 

Dann stellt sich die Sache so: Verschleiß = 112 sh., Roh- und Hülfsstoff wie früher 1712 sh. Arbeitslohn 1 sh., Mehrwerth 1 sh., zusammen 21 sh. oder Mark. Die Waare ist nun 1 sh. im Werth gesunken; die neue Maschine hat die Produktivkraft der Arbeit entschieden gesteigert. Für den Kapitali- sten aber stellt sich die Sache so: sein Kostpreis ist jetzt: 112 sh. Verschleiß, 1712 sh. Roh- und Hülfsstoff, 1 sh. Arbeitslohn, zusammen 20 sh., wie vorher. Da die Profitrate sich durch die neue Maschine nicht ohne weiteres ändert, muß er 10 % über dem Kostpreis erhalten, macht 2 sh.; der Produktionspreis ist also unverändert = 22 sh., aber 1 sh. über dem Werth. 

Für eine unter kapitalistischen Bedingungen producirende Gesellschaft hat sich die Waare nicht verwohlfeilert, ist die neue Maschine keine Verbesserung. Der Kapitalist hat also kein Interesse daran, die neue Maschine ein- zuführen. Und da er durch ihre Einführung seine bisherige, noch nicht verschlissene Maschinerie einfach werthlos machen, sie in bloßes altes Eisen verwandeln, also positiven Verlust erleiden würde, hütet er sich sehr vor dieser, für ihn utopischen Dummheit.

Für das Kapital also gilt das Gesetz der gesteigerten Produktivkraft der Arbeit nicht unbedingt. Für das Kapital wird diese Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der lebendigen Arbeit, sondern nur wenn an dem bezahlten Theil der lebendigen Arbeit mehr erspart als an vergangner Arbeit zugesetzt wird, wie dies bereits Buch I, Kap. XIII, 2, Seite 409/398* kurz angedeutet worden. 


Hier fällt die kapitalistische Produktionsweise in einen neuen Widerspruch. Ihr historischer Beruf ist die rücksichtslose, in geometrischer Progressive vorangetriebne Entfaltung der Produktivität der menschlichen Arbeit. Diesem Beruf wird sie untreu, / sobald sie, wie hier, der Entfaltung der Produktivität hemmend ent- gegen tritt. Sie beweist damit nur aufs neue, daß sie altersschwach wird und sich mehr und mehr überlebt.

*) [MEW 23, S. 414]
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 258f. [MEW 25, S. 272f.]



Nota. - Dem Kapitalisten ist an dem Mehrwert, den er selber produziert - und dem Grad, in dem er seine Ar- beiter ausbeutet -, gar nichts gelegen. Ihn interessiert der Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprofit, den er ergattern kann - und wie er seine Kosten senkt.
JE

Freitag, 13. Januar 2017

Ware als Wert und als Träger von Mehrwert; als Produkt der Arbeit oder des Kapitals.


helpster

Der spezifische Unterschied des "klassischen Systems" der Politischen Ökonomie und der "Kritik" derselben durch Marx ist der: Die Politische Ökonmie stellt die Waren dar als "Werte", d. h. als Produkte der Arbeit (in abstracto, bien entendu, darauf kommt's ja eben an). Marx dagegen stellt die Waren dar als Produkte des Kapitals, also nicht lediglich als "Werte", sondern bestimmt als Träger von Mehr wert; nicht als Rezeptakel jenes Arbeits- quantums, sondern als die proportionale Anweisung auf das gesellschaftliche Mehrprodukt: nicht 'was in der Ware selbst drinsteckt' (als "Element", wie Engels in seiner Erläuterung zum 3. Band sagt); sondern dasjenige, was das Kapital, seiner eignen Größe, "Macht" entsprechend, zu beanspruchen hat;* nicht "bestimmt als", sondern bestimmt zu; nicht, was ihr Wesen, was sie "gewesen" ist ("Arbeit"), sondern als das, was ihr zukommt, was sie "werden" soll. 

Freilich ist in der Kritik der politischen Ökonomie der Begriff es Kapitals bereits zugrundegelegt,** aber dazu hatte er erst einmal begründet werden müssen (im 1. Band): eben - im Unterschied zum bloßen 'Wert' (der in der Zirkulation verschwindet) - als "an sich festhaltenden", als "wirkender", "wirklicher" - als "sich vermehrender Wert". Musste also aus dem Begriff des Werts entwickelt werden als... seine spezifische Differenz zu ihm - im Unterschied, als Gegensatz zum (durch die in ihm geronene Arbeit "bestimmten") Wert; eben nicht ein ge- wesenes Wesen, sondern ein aktuales Vermögen.

Die einzige Ware,*** die lediglich als Ware, als "Wert" getauscht wird und nicht "als Kapital", das ist die Arbeits- kraft, solange sie noch beim Arbeiter ist: getrennt von ihren "gegenständlichen Bedingungen" - Bedingungen ihrer Vergegenständlichung -, den Arbeitsmitteln = "Kapital". Erst durch die Vereinigung mit diesen "Beding- ungen", durch ihre Einverleibung in das Kapital, Aneigung durch das Kapital, wird sie selbst, als "Arbeit" (reale) zu "Kapital": produktivem "Vermögen"°; wird als Vermögen "wirklich"; und so kann das Kapital eben nur im Unter- schied zur Arbeitskraft begriffen werden, als deren bestimmter Gegensatz

*) MEW 25, S. 184f. 

**) Kapital II, MEW 24, S. 388 
***) Kapital II, MEW 24, S. 380
°) als 'Vermögen' des Arbeiters "erscheint" sie nur, insofern sie für ihn Quelle von Revenue ist - sofern er sie beständig reproduziert (ebd.)

2. 6. 88

Donnerstag, 12. Januar 2017

Vom fiktiven Kapital zum fiktionalen Wertgesetz.


H. Bosch, Der Taschensieler

Es ist dies die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionswei- se selbst, und daher ein sich selbst aufhebender Widerspruch, der prima facie als bloßer Uebergangspunkt zu einer neuen Produktionsform sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Erschei- nung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert daher die Staatseinmischung heraus. Er reproduzirt eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf  Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne die Kontrolle des Privateigenthums.

IV. Abgesehn von dem Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produkti- onssphären ergreift, die Privatindustrie vernichtet – bietet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten, oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine innerhalb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigenthum, und dadurch über fremde Arbeit.* Verfügung über gesellschaftliches, nicht eignes Kapital, gibt ihm Verfügung über gesellschaftliche Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüberbau. 


Es gilt dies besonders im Großhandel, durch dessen Hän- de der größte Theil des gesellschaftlichen Produkts passirt. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berechtig- ten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulirende Großhändler riskirt, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigenthum. Ebenso abgeschmackt wird die Phrase vom Ursprung des Kapitals aus der Ersparung, da jener gerade verlangt daß andre für ihn sparen sollen. ... 

Der andren Phrase von der Entsagung schlägt sein Luxus, der nun auch selbst Kreditmittel wird, direkt ins Gesicht. Vorstellungen, die auf einer minder entwickelten Stufe der kapitalistischen Produktion noch einen Sinn haben, werden hier völlig sinnlos. Das Gelingen und Mißlingen führen hier gleichzeitig zur Centralisation der / Kapitale, und daher zur Expropriation auf der enormsten Stufenleiter. Die Expropriation erstreckt sich hier von den unmittelbaren Producenten auf die kleineren und mittleren Kapitalisten selbst. Diese Expropriation ist der Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktionsweise; ihre Durchführung ist ihr Ziel, und zwar in letzter Instanz die Expropriation aller Einzelnen von den Produktionsmitteln, die mit der Entwicklung der gesell- schaftlichen Produktion aufhören, Mittel der Privatproduktion und Produkte der Privatproduktion zu sein,  und die nur noch Produktionsmittel in der Hand der associirten Producenten, daher ihr gesellschaftliches Eigenthum, sein können, wie sie ihr gesellschaftliches Produkt sind. 

Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalistischen Systems selbst in gegensätzlicher Gestalt dar, als Aneignung des gesellschaftlichen Eigenthums durch Wenige; und der Kredit gibt diesen Wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücksritter. Da das Eigenthum hier in der Form der Aktie existirt, wird seine Bewegung und Uebertragung reines Resultat des Börsenspiels, wo die kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsenwölfen verschlungen werden. 

In dem Aktienwesen existirt schon Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuelles Eigenthum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Aktie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schranken; statt daher den Gegensatz zwischen dem Charakter des Reichthums als ge- sellschaftlicher und als Privatreichthum zu überwinden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt aus. 

*) ... „Ein Mann der im Ruf steht Kapital genug für sein regelmäßiges Geschäft zu besitzen, und der in seiner Branche guten Kredit genießt, kann, wenn er sanguinische Ansichten von der steigenden Konjunktur des von ihm geführten Artikels hat, und wenn er im Anfang und Verlauf seiner Spekulation durch die Umstände begünstigt wird, Käufe bewerkstelligen von einer geradezu enormen Ausdehnung verglichen mit seinem Kapital“ (ibidem, p. 136.) – „Die Fabrikanten, Kaufleute etc. machen sämmtlich Geschäfte weit über ihr Kapital hinaus … Das Kapital ist heutzutage vielmehr die Grundlage, worauf ein guter Kredit gebaut wird, als die Schranke der Umsätze irgend eines kommerziellen Geschäfts.“ (Economist, 1847. p. 333.) 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 429f. [MEW 25, S. 454ff.]



Nota. - Der Aktienbesitzer hat dem Unternehmen nur ein Darlehen gewährt, damit es seine laufenden Geschäf- te abwickeln kann - im Wert der Aktie, die er besitzt. Auf diesen Kredit erhält er einen Zins. Man kann sagen, der Teil des Gesellschaftskapitals, der dem Wert seiner Aktie entspricht, dient als Sicherheit für sein Darlehnen. Diese Sicherheit - und damit den Anspruch auf einen Zins - kann er weiter verkaufen, und darum gilt seine Aktie so, als ob sie selber ein Teil des Gesellschaftskapitals wäre. So wird sie gehandelt, der (Tages-) Wert, zu dem sie gehandelt wird, entscheidet über den Gesamtwert des Gesellschaftsvermögens. Die Aktie ist kein Teil des gesellschaftlichen Reichtums, aber die gilt als solcher auf dem Markt, und damit ist sie es. 

Das Wertgesetz ist ad absurdum geführt. Der Bluff, wenn er gelingt, ist soviel wie vergegenständlichte gesell- schaftlich notwendige Durchschnittsarbeit. 
JE

Mittwoch, 11. Januar 2017

Aktienkapital und Fall der Profitrate.



III. Bildung von Aktiengesellschaften. Hierdurch:

1) Ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und Unternehmungen, die für Einzelkapitale unmöglich waren. Solche Unternehmungen zugleich, die früher Regierungsunternehmungen waren, werden gesellschaftliche.

2) Das Kapital, das an sich auf gesellschaftlicher Produktionsweise beruht, und eine gesellschaftliche Koncen- tration von Produktionsmitteln und Arbeitskräften voraussetzt, erhält hier direkt die Form von Gesellschaftska- pital (Kapital direkt associirter Individuen) im Gegensatz zum Privatkapital, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunternehmungen im Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des Kapi- tals als Privateigenthum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst. /

3) Verwandlung des wirklich fungirenden Kapitalisten in einen bloßen Dirigenten, Verwalter fremdes Kapitals, und der Kapitaleigenthümer in bloße Eigenthümer, bloße Geldkapitalisten. Selbst wenn die Dividenden, die sie beziehn, den Zins und Unternehmergewinn, d. h. den Totalprofit einschließen (denn das Gehalt des Dirigenten ist, oder soll sein, bloßer Arbeitslohn einer gewissen Art geschickter Arbeit, deren Preis im Arbeitsmarkt regu- lirt wird, wie der jeder andren Arbeit), so wird dieser Totalprofit nur noch bezogen in der Form des Zinses, d. h. als bloße Vergütung des Kapitaleigenthums, das nun ganz so von der Funktion im wirklichen Reprodukti- onsproceß getrennt wird, wie diese Funktion, in der Person des Dirigenten, vom Kapitaleigenthum. 


Der Profit stellt sich so dar (nicht mehr nur der eine Theil desselben, der Zins, der seine Rechtfertigung aus dem Profit des Borgers zieht) als bloße Aneignung fremder Mehrarbeit, entspringend aus der Verwandlung der Produktionsmittel in Kapital, d. h. aus ihrer Entfremdung gegenüber den wirklichen Producenten, aus ihrem Gegensatz als fremdes Eigenthum gegenüber allen wirklich in der Produktion thätigen Individuen, vom Diri- genten bis herab zum letzten Taglöhner. In den Aktiengesellschaften ist die Funktion getrennt vom Kapital- eigenthum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom Eigenthum an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit. 

Es ist dies Resultat der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion ein nothwendiger Durchgangs- punkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigenthum der Producenten, aber nicht mehr als das Privateigen- thum vereinzelter Producenten, sondern als das Eigenthum ihrer als associirter, als unmittelbares Gesellschafts- eigenthum. Es ist andrerseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigenthum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsproceß, in bloße Funktionen der associirten Producenten, in gesell- schaftliche Funktionen.

Bevor wir weiter gehn, ist noch dies ökonomisch Wichtige zu bemerken: Da der Profit hier rein die Form des Zinses annimmt, sind solche Unternehmungen noch möglich, wenn sie bloßen Zins abwerfen, und es ist dies einer der Gründe, die das Fallen der allgemeinen Profitrate aufhalten, indem diese Unternehmungen, wo das konstante Kapital in so ungeheurem Verhältniß zum variablen steht, nicht nothwendig in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingehn. 

___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 427f. [MEW 25, S. 452f.]
   



Nota. - 1. Das Aktienkapital ist die erste Form, unter der sich das Privateigentum zu Gesellschaftseigentum ausweitet. 2. Indem der Kapitaleigner immer mehr zum Rentner seines Kapitals wird, wird der Unternehmens- leiter zu seinem Funktionär. Die Funktion des Kapitalisten als Unternehmer entfällt: Der Funktionär dient dem Kapital, aber nicht seinem Kapital, er könnte jederzeit zur Kokurrenz wechseln. Das ist eine Riesenschritt auf dem Weg zur Bürokratisierung der Welt. 3. Dass das Kapital, indem es zu Aktienkapital wird, nicht mehr "not- wendig in die Ausgleichung der Profitrate eingeht", ist ein bmerkenswerter Gedanke, aber ohne weiteres ein- sichtig ist er nicht.
JE


Dienstag, 10. Januar 2017

"Kapitalisieren".



Die Bildung des fiktiven Kapitals nennt man kapitalisiren. Man ka- pitalisirt jede regelmäßig sich wiederholende Einnahme, indem man sie nach dem Durchschnittszinsfuß berechnet, als Ertrag, den ein Kapital, zu diesem Zinsfuß ausgeliehen, abwerfen würde; z. B. wenn die jährliche Einnahme = 100 £ und der Zinsfuß = 5 %, so wären die 100 £ der jährliche Zins von 2000 £, und diese 2000 £ gelten nun als der Kapitalwerth des juristi- schen Eigenthumstitels auf die 100 £ jährlich. Für den der diesen Eigenthumstitel kauft, stellen die 100 £ jährliche Einnahme dann in der That die Verzinsung seines angelegten Kapitals zu 5 % vor. Aller Zusammen- hang mit dem wirklichen Verwerthungsproceß des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwerthenden Automaten befestigt sich.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 464 [MEW 25, S. 484]
 



Nota. - Den bürgerlichen Reichtum gibt es zweimal, einmal als wirkliche Ware, das andre Mal als Geld. Die Folge ist, dass jegliche Geldsumme erscheint als ein Teil des wirklichen Reichtums, und das heißt letzten Endes: als Kapital. Dazu braucht die erwähnte Geldsumme zu keinem Zeitpunkt in die Produktion eingegangen zu sein.
JE



Montag, 9. Januar 2017

Modell und Wirklichkeit: vom 1. zum 3. Band.


my-baltic

Im ersten Buch wurden die Erscheinungen untersucht, die der kapitalistische Produktionsproceß, für sich genommen, darbietet, als unmittelbarer Produktionsproceß, bei dem noch von allen sekundären Einwirkungen ihm fremder Umstände abgesehn wurde. Aber dieser unmittelbare Produktionsproceß erschöpft nicht den Lebenslauf des Kapitals. Er wird in der wirklichen Welt ergänzt durch den Cirkulationsproceß, und dieser bildete den Gegenstand der Untersuchungen des zweiten Buchs. 

Hier zeigte sich, namentlich im dritten Abschnitt, bei Betrachtung des Cirkulationsprocesses als der Vermitt- lung des gesellschaftlichen Reproduktionsprocesses, daß der kapitalistische Produktionsproceß, im Ganzen betrachtet, Einheit von Produktions- und Cirkulationsproceß ist. Worum es sich in diesem dritten Buch han- delt, kann nicht sein, allge-/meine Reflexionen über diese Einheit anzustellen. Es gilt vielmehr, die konkreten Formen aufzufinden und darzustellen, welche aus dem Bewegungsproceß des Kapitals, als Ganzes betrachtet, hervorwachsen. 

In ihrer wirklichen Bewegung treten sich die Kapitale in solchen konkreten Formen gegenüber, für die die Gestalt des Kapitals im unmittelbaren Productionsproceß, wie seine Gestalt im Cirkulationsproceß, nur als besondere Momente erscheinen. Die Gestaltungen des Kapitals, wie wir sie in diesem Buch entwickeln, nähern sich also schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft, in der Aktion der verschiedenen Kapitale auf einander, der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewußtsein der Produktionsagenten selbst auftreten.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 29f. [MEW 25, S. 33]
   



Nota. - Große Verwirrung hat nicht nur zu Zeiten der Zweiten Internationale, sondern auch wieder (von der Tragödie zur Farce) in den studentischen PollÖck-Schulungen der siebziger Jahre die Auffassung angerichtet, im 1. Band des Kapital stünde alles Wesentliche, in den beiden andern Bänden würden nur mehr oder weniger zufäl- lige Oberflächenerscheinungen beschrieben, die für das theoretische Verständnis nebensächlich sind. Man meinte, der individuelle Kapitalist beute die von ihm beschäftigten Arbeiter individuell aus, einem jeden presse er ein Stück Mehrwert ab, das er als Profit in die eigene Tasche stecke. Man glaubte, die kapitalistische Ausbeu- tung sei erfahrbar, man müsse nur "in die Betriebe gehen" und sie den Arbeitern dort recht anschaulich vor Augen führen. 

Im großen weltmarktlichen Ganzen ist der Profit 'nichts anderes' als der Mehrwert, aber was der Kapitalist wirklich einsteckt, ist der Profit, den Mehrwert kriegt weder er noch irgendwer sonst je zu Gesicht. Es 'gibt ihn' gar nicht so, wie es etwa den Vogel auf dem Zweig gibt. Im theoretischen Modell, nämlich so, wie es im 1. Band entworfen wird, erscheint er als das, was dem Profit, der die einzige Realität ist, "in Wahrheit zu Grunde liegt". Der Mehrwert ist eine Abstraktion so, wie das ganze Modell eine Abstraktion ist - und "der Wert" schon mal erst recht. Eine Abstraktion nämlich von der Konkurrenz der vielen Kapitale untereinander, und die ist keine Oberflächenerscheinung, sondern der Motor der bürgerlichen Gesellschaft; aber eben Konkurrenz der Kapitale, und deren Begriff musste erst einmal bestimmt werden.

Wer sich vom Konkreten zum Abstrakten, von der Anschauung zum Begriff durcharbeiten wollte, müsste sein Studium eigentlich beim 3. Band beginnen, nur würde er leider nichts verstehen, denn eingeführt werden die Begriffe am theoretischen Modell und nicht in der Anschauung - die bliebe blind, wenn die Begriffe ihr nicht die Augen öffneten. 
JE



Sonntag, 8. Januar 2017

Gebrauchswert und gesellschaftliches Bedürfnis.


Schnorr von Carolsfeld Speisung der 5000

Es ist in der That das Gesetz des Werths, wie es sich geltend macht, nicht in Bezug auf die einzelnen Waaren oder Artikel, sondern auf die jedesmaligen Gesammtprodukte der besondren, durch die Theilung der Arbeit verselbständigten gesellschaftlichen Produktionssphären; sodaß nicht nur auf jede einzelne Waare nur die nothwendige Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit nur das nöthige proportionelle Quantum in den verschiednen Gruppen verwandt ist. 

Denn Bedingung bleibt der Gebrauchswerth. Wenn aber der Gebrauchswerth bei der einzelnen Waare davon abhängt, daß sie an und für sich ein Bedürfniß befriedigt, so bei der gesellschaftlichen Produktenmasse davon, daß sie dem quantitativ bestimmten gesellschaftlichen Bedürfniß für jede besondre Art von Produkt adäquat, und die Arbeit daher im Verhältniß dieser gesellschaftlichen Bedürfnisse, die quantitativ umschrieben sind, in die verschiednen Produktionssphären proportionell vertheilt ist. (Dieser Punkt heranzuziehn bei der Verthei- lung des Kapitals in die verschiednen Produktionssphären.) 

Das gesellschaftliche Bedürfniß, d. h. der Gebrauchswerth auf gesellschaftlicher Potenz, erscheint hier bestimmend für die Quota der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit, die den verschiednen besondren Produktionssphären anheimfallen. Es ist aber nur dasselbe Gesetz, das sich schon bei der einzelnen Waare zeigt, nämlich: daß ihr Gebrauchswerth Voraussetzung ihres Tauschwerths und damit ihres Werths ist. 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 623f. [MEW 25, S. 648f.]
  



Samstag, 7. Januar 2017

An sich gibt es keinen Wert.



Kein Producent, der Industrielle sowenig wie der Ackerbauer, isolirt betrachtet, producirt Werth oder Waare. Sein Produkt wird nur Werth und Waare in bestimmtem gesellschaftlichen Zusammenhang. Erstens, soweit es als Darstellung gesellschaftlicher Arbeit erscheint, also seine eigne Arbeitszeit als Theil der gesellschaftlichen Arbeitszeit überhaupt; zweitens: dieser gesellschaftliche Charakter seiner Arbeit erscheint als ein seinem Produkt aufgeprägter gesellschaftlicher Charakter, in seinem Geldcharakter und in seiner durch den Preis bestimmten allgemeinen Austauschbarkeit.
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 626 [MEW 25, S. 651f.]
 



Nota. - Oder sollte ich besser sagen: Wert gibt es nicht an sich? Aber das ist ja dasselbe.
JE 








Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Geldkrisen sind unvermeidlich.



Es ist Grundlage der kapitalistischen Produktion, daß das Geld, als selbständige Form des Werths, der Waare gegenübertritt, oder daß der Tauschwerth selbständige Form im Geld erhalten muß, und dies ist nur möglich, indem eine bestimmte Waare das Material wird, in deren Werth sich alle andern Waaren messen, daß sie eben dadurch die allgemeine Waare, die Waare par excellence im Gegensatz zu allen andern Waaren wird. 

Dies muß sich in doppelter Hinsicht zeigen, und namentlich bei kapitalistisch entwickelten Nationen, die das Geld in großem Maß erset-zen, einerseits durch Kreditoperationen, andrerseits durch Kreditgeld. In Zeiten der Klemme, wo der Kredit einschrumpft oder ganz aufhört, tritt plötzlich Geld als einziges Zahlungsmittel und wahres Dasein des Werths absolut den Waaren gegenüber. Daher die allgemeine Entwerthung der Waaren, die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, sie in Geld zu verwandeln, d. h. in ihre eigne rein phantastische Form. Zweitens aber: das Kreditgeld selbst ist nur Geld, soweit es im Betrage seines Nominalwerths absolut das wirkliche Geld vertritt. Mit dem Goldabfluß wird seine Konvertibilität in Geld problematisch, d. h. seine Identität mit wirklichem Gold. Daher Zwangsmaßregeln, Heraufsetzung des Zinsfußes etc., um die Bedingungen dieser Konvertibilität zu sichern. 

Dies kann mehr oder minder auf die Spitze getrieben werden durch falsche Gesetzgebung, beruhend auf falschen Theorien vom Geld, und der Nation aufgedrängt durch das Interesse der Geldhändler, der Overstone und Konsorten. Die Grundlage aber ist gegeben mit der Grundlage der Produktionsweise selbst. Eine Entwer- thung des Kreditgeldes (gar nicht zu sprechen von einer übrigens nur imaginären Entgeldung desselben) würde alle bestehenden Verhältnisse erschüttern. 

Der Werth der Waaren wird daher geopfert, um das phantastische und selbständige Dasein dieses Werths im Geld zu sichern. Als Geldwerth ist er überhaupt nur gesichert, so lange das Geld gesichert ist. Für ein paar Millionen Geld müssen daher viele Millionen Waaren zum Opfer gebracht werden. Dies ist unvermeidlich in der kapitalistischen Produktion und bildet eine ihrer Schönheiten. In frühern Produktionsweisen kommt dies nicht vor, weil bei der engen Basis, auf der sie sich bewegen, weder der Kredit noch das Kreditgeld zur Entwicklung kommt. 

Solange der gesellschaftliche Charakter der Arbeit als das Gelddasein der Waare, und daher als ein Ding außer der wirklichen Produktion erscheint, sind Geldkrisen, unabhängig oder als Verschärfung wirklicher Krisen, unvermeidlich. 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 511f. [MEW 25, S. 532f.]



Nota. - In der kapitalistischen Welt gibt es den Reichtum doppelt. Einmal real, in Gestalt der zum Gebrauch tauglichen Waren, das andre Mal phantasmagorisch als Geld, das lediglich zum Tauschen zu gebrauchen ist - aber das Tauschen ist unverzichtbar. Diesen Gebrauchswert, Tauschwert zu haben, hat es unter allen Umständen, aber nicht immer im gleichen Maß. Die Ware verliert ihren Gebrauchswert jedoch, sofern ihr Tauschwert nicht realisiert wird. Daher ist seine phantasmagorische Form für den Reichtum der sicherere Hafen.

Nun kann es seinen Wert ebenfalls verlieren, zum Teil mindestens, nämlich gegenüber seinem festen Standard, dem Gold, das selber eine Ware ist. Also nicht das Geld verlöre seinen Wert, sondern die eine Währung gegen das Gold, und mithin gegen allen andern Währungen. So jedenfalls zu der Zeit, als Marx schrieb. Nach dem 2. Weltkrieg trat der Dollar an seine Stelle, weil alle Welt darauf vertraute, dass die amerikanische Zentralbank jederzeit jede Menge jeder Währung in Gold einlösen werde. Was gottlob nie wirklich auf die Probe gestellt wurde, aber es reichte aus, dass alle dieses Vertrauen teilten: Das war so gut, als ob.

Das ist nun seit Präsident Nixon auch nicht mehr so. Solange aber der Dollar wirklich die Leitwährung war, auf die sich alle andern bezogen, änderte sich nichts. Doch nach und nach drangen andere Leitwährungen rivalisierend nach vorn. Inzwischen ist es das Kräfteverhältnis zwischen ihnen, das leisten muss, was einst das Gold leistete; was es nur kann, wenn alle auf seine Stabilität vertrauen, aber das tun nicht alle, mal mit, mal ohne Grund. Doch das schwindende Vertrauen ist der Verlust der Stabilität. 

Darum sind Geldkrisen, beginnend als Währungskrisen, nicht nur, wie Marx sagte, unvermeidlich, sondern geradezu die Regel (weshalb nun das Gold auch wieder im Hintergrund eine Rolle spielt). Sie sind sogar wichtiger für das Wirtschaftsgeschehen, als es früher die Handels- bzw. Überproduktionskrisen waren. Tatsächlich werden mit Währungsspekulationen heute größere Gewinne und Verluste gemacht, als mit Warengeschäften. Der phantasmagorische Reichtum ist wirklicher als der wirkliche.
JE




Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Grundrente.



Sie entspringt aus der größren naturwüchsigen Produktivkraft der Arbeit, gebunden an die Benutzung einer Naturkraft, aber nicht einer Naturkraft, die allem Kapital in derselben Produktionssphäre zur Verfügung steht, wie z. B. die Elasticität des Dampfs; deren Anwendung sich also nicht von selbst versteht, sobald überhaupt Kapital in dieser Sphäre angelegt wird. Sondern einer monopolisirbaren Naturkraft, die wie der Wasserfall nur denen zur Verfügung steht, die über besondre Stücke des Erdbodens und seine Appartenentien zu verfügen haben. 

Es hängt durchaus nicht vom Kapital ab, diese Naturbedingung größrer Produktivkraft der Arbeit ins Leben zu rufen, in der Art wie jedes Kapital Wasser in Dampf verwandeln kann. Sie findet sich nur lokal in der Natur vor, und ist da, wo sie sich nicht vorfindet, nicht herstellbar durch bestimmte Auslage von Kapital. Sie ist nicht gebunden an, durch Arbeit herstellbare Produkte wie Maschinen, Kohlen etc., sondern an bestimmte Naturver- hältnisse bestimmter Theile des Bodens. 

Der Theil der Fabrikanten, der die Wasserfälle besitzt, schließt den Theil, der sie nicht besitzt, von der Anwen- dung dieser Naturkraft aus, weil der Boden und noch mehr der mit Wasserkraft begabte Boden beschränkt ist. Es schließt dies nicht aus, daß, obgleich die Masse der natürlichen Wasserfälle in einem Lande beschränkt ist, die Masse der zur Industrie vernutzbaren Wasserkraft vermehrt werden kann. Der Wasserfall kann künstlich abgeleitet werden, um seine Triebkraft vollständig auszunutzen; den Fall gegeben, kann das Wasserrad verbes- sert werden, um möglichst viel von der Wasserkraft zu verwenden; wo das gewöhnliche Rad für die Wasserzu- fuhr nicht paßt, können Turbinen angewandt werden etc. 

Der Besitz dieser Naturkraft bildet ein Monopol in der Hand ihres Besitzers, eine Bedingung hoher Produktiv- kraft des angelegten Kapitals, die nicht durch den Produktionsproceß des Kapitals selbst hergestellt werden kann; diese Naturkraft, die so monopolisirbar ist, haftet immer an der Erde. Eine solche Naturkraft gehört nicht zu den allgemeinen Bedingungen der fraglichen Produktionssphäre, und nicht zu den Bedingungen derselben, die allgemein herstellbar sind. 
___________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 632 [MEW 25, S. 658 ]



Nota. - Die Grundrente ist der Sache nach älter als das Kapital. Aber nicht ihrer Form nach. Sachlich enstammt sie der feudalen Grundherrschaft - einer wesentlich auf Agrarproduktion beruhenden Gesellschaft. Die Aufga- be ist zu verstehen, wie sie in kapitalistische Grundrente verwandelt und den Gesetzen der Kokurrenz unter- worfen wird. Dafür ist die am obigen Beispiel eines Wasserfalls dargestellte Ausnahme, die Diffenrenzial rente, sinnfälliger als der durchschnittliche Regelfall, wo lediglich die Liegenschaft gepachtet wird. Marx hechelt sämtliche Formen der Grundrente durch, aber hier mag diese Stelle reichen.

Dies sei aber noch hervorgehoben: Um allgemein zu gelten, muss etwas allgemein herstellbar sein: erstens knapp und zweitens durch Arbeit vermehrbar.
JE


Dienstag, 3. Januar 2017

Durchschnitt, Quételet.



Man wird hier dieselbe Herrschaft der regulirenden Durchschnitte finden, wie Quételet sie bei den socialen Phänomenen nachgewiesen hat.
___________________________________________________
Das Kapital III,
MEGA II/15,  S. 833. [MEW 25, S. 828f.] 



Nota. - Man kann überall, wo Marx sich den rhetorischen Kniff nicht verkneifen konnte, von Gesetzen zu reden, getrost Durchschnitt einsetzen; wenn es gelegentlich stilistisch holpert, bewahrt es uns doch vor der Mystifikation der sich-selbst-bewegenden-Begriffe.
JE 



 

Montag, 2. Januar 2017

Wie der Gebrauchswert in die Formbestimmung eingreift.



Der Punkt, wo das Eingreifen des Gebrauchswerts in die Wertbestimmung, in die Formseite, am augenfällig- sten, recte: am sinn fälligsten ist, ist schließlich ganz am Anfang des Prozesses der Wertschöpfung: denn es ist ja dere Gebrauchswert, der je spezifische historisch gegebne Gebrauchswert der Arbeitskrft, nämlich die je be- stimmte Produktivität der Arbeit, welche den Wert - den Tauschwert einer Ware - im Vergleich zu den anderen Waren 

Nein, falsch; der je besondre Gebrauchswert der Arbeitskraft, die dieses je besondre Kapital verbraucht, d. h. zu effektiver Arbeit (energeia) aktualisiert, bestimmt nicht über den Wert der Ware - denn dieser drückt nur das Prorata des einzelnen Produkts an dem gesellschaftlichen Gesamtarbeitstag aus -, sondern bestimmt die Höhe des Profits, den das Kapital an der einzelnen Ware macht; bestimmt die individuelle Profitrate dieses besondern Kapitals - nämlich indem sie den spezifischen Unterschied der individuellen zur allgemeinen, "druchschnittli- chen" Profirate ausmacht, und darauf, allein darauf kommt es dem Kapital an: allein auf seinen (Extra-) Profit, nicht auf die Wertproduktion an sich.

Also im Allgemeinen, d. h. für die reflektierende Abstraktion, ist es so, dass "der Wert" - nämlich der je geschaffene Neuwert, und um den allein geht es hier - "geschöpft" wird aus dem Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert der Arbeitskraft, weil ihr Gebrauchswert eben die Arbeit selbst ist.

Der Wert drückt aus den Anteil, den das individuelle Produkt an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit "hat"; oder richtiger: den Anteil, auf den er "zu Recht" Anspruch erheben kann: nicht der Anteil an der Gesamtar- beitszeit, der in ihm tatsächlich verausgabt, sondern derjenige Anteil, der in ihm "vergegenständlicht" ist: nämlich als in ihm vergegenständlich gilt; und ob er "gilt", ist immer eine Frage der 'Anerkennung': allgemeiner Anerken- nung...

Zuerst einmal: ob er überhaupt "gilt": nämlich ob die in ihm 'dargestellte', her gestellte Nützlichkeit in der Gesellschaft ein ihm geltendes Bedürfnis vorfindet, und das wird unter kapitalistischen Bedingungen immer erst ex post entschieden: Um sich als Gebrauchs wert bewähren zu können, muss das Produkt zuerst seinen Tausch wert "realisieren".

Und dann: welcher Anteil ihm "zugerechnet" wird: als welcher Anteil er "gilt"; und es gilt nicht diejenige Zeit, die tatsächlich auf seine Herstellung verwendet wurde, sondern es "gilt" jene Zeit, die irgend ein  anderer im Durchschnitt aufwenden müsste, um denselben Gegenstand hic et nunc zu re produzieren. Vorausgesetzt ist also immer die durchschnittliche Produktivität der Arbeit zur gegebnen Zeit, am gegebnen Ort des (beabsichtigten) Austauschakts. Also das, was hier aktual gilt als "allgemeiner" Parameter, ist de facto lediglich ein empirisch festgestellter, "geschätzer" Durchschnitt: Der durchschnittliche Gebrauchs wert der Arbeitskraft ist der Maßstab, nach dem der Anteil des Produkts an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit bewertet wird; ist also das Maß ihrer "Wertigkeit", aber nicht diese selbst: Diese Wertigkeit selbst, also die Substanz des Werts, ist das Verhältnis der Gebrauchswerte - besondre Nützlichkeiten alias das Bedürfnis danach - zur gesellschaftliche verfügbaren Gesamt(arbeits)zeit: das Verhältnis - pro rata -, in dem die Gesamtzeit auf die Bedürfnisse verteilt wird...

Es soll also "Zeit" auf "Nützlichkeit" verteilt weden: Das is so, als sollten Kartoffeln nach ihrer Seelengröße unterschieden werden. "Zeit" und "Nützlichkeit" sind an sich selber inkommensurabel. Es ist schlechterdings unmöglich, das eine durch - theoretische - Analyse aus dem andern herauszulesen: das ein immanent im andern darzustellen. Aber wenn es keine Analyse sein kann, dann muss es ein Akt des Setzens, eine Thesis, und muss insofern das Eine zu dem Andern ins Verhältnis gesetzt werden, muss es eine Synthesis sein, eine "ursprüngli- che", die 'nur aus Freiheit möglich' ist; ein Ur-teil, praktisches Urteil: Wieviel Zeit will - 'soll' - ich auf dieses Bedürfnis, wieviel auf jenes verwenden? (Es ist augenfällig, dass die Frage sinnlos wäre, wenn die verfügbare Zeit nicht knapp ist.) Also ich soll abwägen, welches Bedürfnis mir wichtiger ist als das andre, ich soll eine Rangfolge, Hierarchie der Bedürfnisse etablieren. 'Ich': das ist die gegebne gesellschaftliche (All)gemeine.

Unter Bedingungen unmittelbarer Herrschaft von Menschen über andre Menschen - über ihren Willen, über das, was sie in ihrer (Lebens-) Zeit tun - ist das Problem einfach, oder es ist keins: Die Bestimmung der Priori- täten (das Urteil über die Geltung der Besdürfnisse geht der Prouktion der Gebrauchsgegenstände voraus, "ex ante")  ist immer "konkret", d h. individuell, und darum an keine (immanente) Regel gebunden, die eine Analy- se der Formen erst ans Licht bringen müsste: Hier findet keine "Strukturanalyse" statt, sondern empirische Be- schreibung. 

[NB. Es ist nicht die Frage der Rituale, der konventionellen oder sakralen Formen, in denen die Befehle aus- gesprochen werden; sondern die Maximen, nach denen ihre Inhalte bestimmt sind: Was da an "Regeln", "öko- nomischn Gesetzen" herauszulesen ist, ist nichts anderes als eine empirisch, nämlich beschreibend nachgewie- sene Häufigkeit, die Urteilsakte sind einander heteronom, der (beschreibende) Historiker kann die ihnen zu- grundeliegenden Motive "verstehend deuten", sodann typologisch klasifizieren und die (ihm bekannten) Phäno- mene, "Fakten", danach mengenmäßig ordnen; aber immer bleibt er hier Idiograph.]

Bei der Hervorbringung der den - um ihre verhältnismäßige Geltung konkurrierenden - Bedürfnissen entspre- chenden nützlichn Gegenstände geht, mit der Zunahme individuellen Geschicks bei den Produzenten - "Qua- lität", Produktivität der Arbeit - immer mehr Geschick in das Produkt selbst ein: als dessen "höhere", größere Nützlichkeit, und das wird wesentlich, indem der produzierte Gegenstand selber Arbeitsmittel wird, Produktions- instrument. Indem die spezifische Nützlichkeit - Gebrauchswert - der Produkte zunehmend von der "Qualität" - der in ihnen als deren eignes Geschick vergegenständlichten Geschicklichkeit der Produzenten - der Arbeits- mittel abhängt, erlangt die Herrschaft über das Arbeitsmittel wachsende Bedeutung gegenüber der unmittelba- ren Herrschaft über Menschen: Privateigentum am Arbeitsmittel statt persönlicher Herrschaft über den Arbeiter. Insofern ist das feudale Grundeigentum in (West!-) Europa der Beginn der Entwicklung zum Kapitalismus.

 4. 5. 88


Formbestimmend ist der Gebrauchswert der Arbeit von Anbeginn, indem ihre zunehmende Qualität in die höhere Qualität der Produkte eingeht und, sofern das Produkt selbst zum Arbeitsmittel wird, die Arbeitsmittel gegenüber der Arbeit ein wachsendes Gewicht erhalten. Am Ende steht das fixe Kapital, das als digitaler Auto- mat alle Arbeit selber übernimmt: Der Gebrauchswert hat die Form "zu Tode bestimmt".



Sie fragen nach dem Zusammenhand meines Bildes mit dem Text?  Es hat keinen. Ich fürchte, ich hätte ein paar Stunden suchen müssen, um so ein Bild zu finden. Das obige stelt die Reste eine Auster dar.



Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.